Kriegsjahre 1939 bis 1945 in Riesenbeck
Wie stark sich die Kriegsjahre in das Gedächtnis von Zeitzeugen festgesetzt haben, konnte man auf dem plattdeutschen Küernaomeddag des Heimatvereins Riesenbeck erleben. Die überwiegende Anzahl der Teilnehmer der Gesprächsrunde erlebte die Kriegsjahre als Kind und Jugendliche(r). So wussten sie zu berichten, dass zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zunächst die Männer zur Wehrmacht eingezogen wurden, die schon im Ersten Weltkrieg kämpfen mussten. Je länger der Krieg dauerte, desto jünger waren die Soldaten. Schließlich schickte man noch nicht einmal 16jährige Jungen in den Krieg. Die Riesenbecker Bevölkerung bekam schon früh die Schrecken des Krieges zu spüren. Bereits im Sommer 1940 fielen die ersten Bomben, eine davon in unmittelbarer Nähe des Hofes Lammers, der heutigen Begegnungsstätte am Sportplatz. Großen Schaden richteten die Bomben zunächst nicht an, obwohl sie z.B. viele Dachziegel von Lammers Hof zerstörten, die meisten aber nur verschoben.

Der Hof Lammers nach dem ersten Bombenangriff auf Riesenbeck im Jahre 1940
(Bild: Archiv Heimatverein Riesenbeck)
Berichtet wurde auch von Bombentreffern auf Bornholts Wiese (im heutigen Bereich der Moorwiese), die die grasenden Kühe töteten bzw. verletzten. Nacht für Nacht überflog ein einzelnes Flugzeug, im Volksmund als „Eiserner Heinrich“ bezeichnet, stets um ein Uhr nachts das Dorf. Schimmerte in der Dunkelheit irgendwo ein Licht, warf es dorthin eine Bombe ab.
Der wohl schicksalsschwerste Tag für die Riesenbecker aber war der 21. Februar 1945. Dank der klaren Erinnerungen der anwesenden Zeitzeugen und den Nachforschungen von Franz Uphoff und Klaus Kahl gelang es beim Küernaomeddag, das Geschehen an diesem Kriegstag sehr genau zu rekonstruieren. In Übereinstimmung mit Dokumenten über die Kampfhandlungen des U.S.-Armee aus dem Archiv der Universität Akron/Ohio kam gegen 16 Uhr ein amerikanischer Bomberverband aus zwölf Martin B-26 Marauder-Flugzeugen aus Richtung Ladbergen auf Riesenbeck zu. Diese Bomber, die zur Gruppe 387 der 9. Bomberdivision gehörten, hatten Beschuss von der deutschen Flugabwehr aus Ladbergen bekommen. Nun flogen die zweimotorigen Propellermaschinen bei fast wolkenlosem Himmel in einer Höhe von rund 1.000 Metern in je vier Gruppen zu dritt über dem Kanal über Riesenbeck hinweg. Als die deutsche Flak das Feuer auf die Bomber aus dem Bereich Bevergern und Bergeshövede eröffnete, drehten die Maschinen ab. Sie überflogen Riesenbeck erneut und ließen eine schwere Bombenlast auf das Dorf stürzen.
Wörtlich heißt es hierzu aus Sicht der amerikanischen Militärberichterstattung:
„Eine Wolkendecke machte das Bomben nach Sicht gemäß des ersten und zweiten Planes unmöglich. Der Kommandeur von Flug A wählte den Ortsmittelpunkt von Riesenbeck (GSGS 4416, Blatt N-2 926072) als nächstes Ziel. 90% der Explosionen erfolgten innerhalb eines Radius von 1.000 Fuß (entsprechend 305 Metern). MPI (?) der Explosionen nahezu 150 Fuß (entsprechend 46 Metern) N (?) der gewählten A.P. (?) Die Explosionen umfassten fast das ganze Dorf.“ [Anmerkung: Die militärischen englischsprachigen Abkürzungen konnten nicht eindeutig übersetzt werden.]
Wie ein Luftbild, das nach dem Angriff aufgenommen wurde, deutlich zeigt, erhielten strategische Ziele wie Straßenkreuzungen, Brücken, der Kanal oder die Fa. Niemeyer keine Treffer, wohl aber einige Häuser. Demnach handelte es sich bei dem Angriff also nicht um einen geplanten, sondern eher um einen zufälligen Schlag mit grauenhaften Folgen für die Zivilbevölkerung! Zwanzig Tote - zehn Kinder sowie je fünf Männer und Frauen, waren zu beklagen. Völlig vernichtet wurde das Wohnhaus von Josef Lindenschmidt. Er verlor die im Keller schutzsuchenden Eltern, seine Ehefrau, die drei Kinder und ein Pflegekind sowie seinen Bruder. Aus dem zerbombten Haus Stegemann im Stockhoff konnten sechs Kinder und zwei Erwachsene nur noch tot geborgen werden. Zwei der vier, teils schwerverletzten Überlebenden aus den Trümmern leben noch heute. Adolf Steinigeweg und Bernhard Topp berichteten beim Küernaomeddag bildreich, wie sie die schrecklichen Geschehnisse vor 65 Jahren noch vor Augen hatten.
Größeren Raum bei den Gesprächen nahmen auch die Besetzung Riesenbecks durch englische Truppen, die Sprengung der Kanalbrücken durch deutsche Soldaten und die anschließenden blutigen Kämpfe im Brumley-Tal zu Ostern 1945 ein. Stumme Zeugen der Schlacht – Stahlhelme, Patronenhülsen von Geschossmunition, ein Gasmaskenköcher, ein Gurt mit Schloss und der Aufschrift „Gott mit uns“, darunter Adler und Hakenkreuz stellte dankenswerter Weise Ludwig Rohmann aus Birgte zur Verfügung. Diese Fundstücke aus dem Berg und einige Baumstücke mit eingeschlossenen Granatsplittern und Kugeln fanden großes Interesse bei den Veranstaltungsteilnehmern.

Bernhard Topp (links) und Adolf Steinigeweg, Überlebende aus dem Haus Stegemann,
schauten sich Fundstücke von Ludwig Rohmann aus dem Brumley-Tal an.
Mit einigen kleineren Erlebnisberichten aus der Nachkriegs- und Besatzungszeit klang der überaus interessante Küernaomeddag aus. Dr. Klaus-Werner Kahl hatte wirklich allen Grund, sich bei den Teilnehmern für ihre rege Beteiligung und die fesselnden Beiträge herzlichst zu bedanken.
Für die Opfer des 2. Weltkrieges wurde im Oberdorf eine Gedächtnisstätte mit einem Buch aller Namen der Riesenbecker Kriegsopfer errichtet.
Text und Bild: Klaus-Werner Kahl